Archiv nach Kategorie "Sachbücher"

Einfach abgehängt : e. wahrer Bericht über die neue Armut in Deutschland

Veröffentlicht in Sachbücher am 24 Juli, 2008 von aichlinn

„Du bist Deutschland“ – ein Slogan, der uns Vertrautheit signalisieren und zur Verantwortung für ein Land aufrufen soll, in dem jeder ein Teil des Ganzen ist. Aber wenn JEDER Deutschland ist, dürfen wir nicht die 11 Millionen Menschen vergessen, die arm, oder zumindest von Armut bedroht sind. 7 Millionen Deutsche leben auf Sozialhilfeniveau, 3 Millionen Haushalte sind überschuldet. In Westdeutschland lebt jedes achte Kind in Armut, im Osten sogar jedes vierte. Auch das ist Deutschland.
Warum gibt es trotzdem noch keine vernünftige Armutspolitik? Warum schauen wir immer noch weg, wenn jemand im Müll nach Verwertbarem sucht? Warum denken immer noch die meisten, sie könne es nicht treffen?
Ständig öffnen neue, noch größere Kaufhäuser ihre Pforten. Stadtbilder verändern sich, weil Häuser instandgesetzt und Fassaden verschönert werden. Und wir verbringen unseren Urlaub in Neuseeland, auf Mallorca oder wenigstens im Bayerischen Wald. Aber: „Weder gibt es mehr Arbeit noch mehr Gerechtigkeit. Dafür sieht Mangel heute schöner aus.“, nachzulesen in „Einfach abgehängt: ein wahrer Bericht über die neue Armut in Deutschland“ von Nadja Klinger und Jens König.
Auf 254 Seiten schreiben die Autoren über ein Land, das so viel Geld für Sozialpolitik ausgibt, wie kaum ein anderes, und dabei trotzdem so erfolglos bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist; wo in „Jobcentern“ „Kunden“ von „Case Managern“ vermittelt werden sollen, die Empfangsdamen „Scouts“ heißen und man sich bei Beschwerden an das „Kundenreaktionsmanagement“ wendet.
Nadja Klinger und Jens König wollen die Perspektive auf Armut ändern. Sie reden mit den Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen und beschreiben die Welt durch deren Augen.
Die persönlichen Schicksale geben den erschreckenden Zahlen ein Gesicht. Angelika Fischer zum Beispiel, gelernte Stenotypistin, ist seit 1990 arbeitslos und erfüllt nicht die Klischees, mit denen Langzeitarbeitslose oft zu kämpfen haben. Sie engagiert sich im Arbeitskreis Gewalt gegen Frauen und Mädchen, beim Frauennotruf, in der Frauenbibliothek, ist im Vorstand des Hauses der Demokratie tätig und kümmert sich um Streitschlichter an Leipziger Schulen. Alles ehrenamtlich, eine bezahlte Arbeits sprang für sie bis jetzt nicht heraus, obwohl sie rund um die Uhr zu tun hat.
Damit Politik nicht mehr nur „Rolle der Bordapotheke auf der Titanic“ spielt, muss umgedacht werden. Die Autoren bieten interessante Denkansätze. So sollte sich Politik nicht am alten Sozialstaat orientieren, der falsche Anreize bietet, durch finanzielle Transfers von staatlicher Hilfe abhängig macht und die Menschen zu wenig fördert. Sie darf sich auch nicht nur an der Mittelschicht orientieren, auch wenn diese die größte Wählerschaft stellt. Sozial Schwache werden zu selten berücksichtigt (Beispiel Elterngeld). Armutspolitik als Querschnittspolitik, die resortübergreifendes Handeln erfordert, muss auch Bildungspolitik sein. Arbeit, Einkommen und Lebensqualität sind abhängig von Bildungsqualifikationen, für die schon im Kindergarten Grundlagen gelegt werden müssen. Armutspolitik bedeutet aber vor allem RESPEKT. Und hier sind wir alle gefragt. Erst wenn jedem Einzelnen klar wird, dass Armut nicht länger an den Rand der Gesellschaft abgedrängt werden kann, weil sie mitten unter uns ist, kann eine Armutspolitik auch funktionieren.

„Narben auf meiner Haut : Straßenkinder fotografieren sich selbst“

Veröffentlicht in Sachbücher am 24 Juli, 2008 von aichlinn

„Man darf nur auf der Straße wandeln und Augen haben, man sieht die unnachahmlichsten Bilder.“

Goethe gewann diese Erkenntnis auf seiner Italienreise. Der Heidelberger Professor Hartwig Weber und die Direktorin Sor Sara Sierra Jaramillo wandelten auf den Straßen Medellins (Kolumbien), um Kinder zu finden, die bereit sind, mit einem Fotoapparat ausgestattet das Leben auf der Straße – ihre Narben – zu dokumentieren.
Erstaunlich, dass die Kinder nicht mit der Kamera davonliefen, um sie an der nächsten Ecke zu verkaufen. Brot, Zigaretten, Marihuana sind teuer und das Geld liegt eben nicht auf der Straße. Die Kinder schienen aber begeistert von dem Gedanken, Fotos von sich und ihrem Alltag machen zu können und sie später sogar in den eigenen Händen zu halten.
Im Mittelpunkt der Fotos stehen meist die Kinder selbst. Sie wollen kein Mitleid erwecken, vielmehr sollen die Bilder eine scheinbare Normalität darstellen, die für uns freilich schwer nachzuvollziehen ist, lesen wir doch, das der Alltag von Kleinkriminalität und Kinderprostitution geprägt ist. Besonders gefürchtet sind die „Todesschwadronen“, die mit ihrer „sozialen Säuberung“ vor Niemandem Halt machen. Guerillas und Paramilitärs wachen überall. Wer ihnen im Weg ist, wird umgebracht.
Straßenkinder gelten als Abschaum, den man nicht dulden will. Messerstechereien stehen auf der Tagesordnung.
Die Narben existieren also nicht nur psychisch, sondern „zieren“ die Körper der meisten Straßenkinder. Juan Carlos (13) zum Beispiel droht zu erblinden. Die Folge eines Schusses, der seine Nase durchbohrte und den Sehnerv verletzte. Jorge (10) hat Narben am Hals und an den Armen. Seine Mutter schlug ihn, weil er sein verdientes Geld nicht mit nach Hause brachte, sondern für Drogen ausgab. Die Narben verhindern das Vergessen. Aber man sieht nicht, wie tief sie sind.
Die eindrucksvollen Fotos, ergänzt durch bedrückende Berichte, wurden in Buchform veröffenlicht. „Narben auf meiner Haut – Straßenkinder fotografieren sich selbst“ ist 2003 bei der Büchergilde Gutenberg und in diesem Jahr auch als Taschenbuch im Don Bosco Verlag erschienen.
Dem Ganzen liegt das Projekt „patio 13 – Schule für Straßenkinder“ zu Grunde, das die Lebenssituationen der Straßen- und Flüchtlingskinder untersuchen und eine Integration ins Schulsystem vorantreiben soll. Auch die Lehrer brauchen Hilfe. Oft sind sie ratlos, wenn auf einmal Straßenkinder vor der Klassentür stehen. Brücken zu bauen ist wichtig. Keine Brücken, unter denen die Kinder schlafen, sondern die sie überqueren sollen. Auf der anderen Seite wartet vielleicht eine bessere oder überhaupt erst eine Zukunft. Auch wenn die Kinder im Heute leben, so träumen sie doch von Schulabschluss, Job und Familie.
Jeder kann an diesen Brücken mitbauen. Wie? Durch Hinsehen und Hinhören, das ist das Fundament. Medellin ist nicht so weit weg, wie die meisten glauben. Wer wegsieht oder gar seine Augen schließt, trägt dazu bei, dass die Fotos unzähliger anderer betroffener Kinder niemals entwickelt werden können.