Hans Waal: Die Nachhut

Veröffentlicht in Romane am 14 August, 2008 von aichlinn

Angehörige der Waffen-SS hatten einst den Auftrag, sich in einem Bunker nahe Wittstock zu verschanzen und auf die Ankunft des “Führers” zu warten, um ihn zu beschützen. Der ranghohe Gast kam nie. Als nach über 60 Jahren der letzte Büchsenöffner kaputt ging, beschließen die letzten vier Exemplare den Ausstieg.
Immer noch in der Annahme, sich mitten im Krieg zu befinden, wollen sie sich ins Kampfgetümmel stürzen und in die “Reichshauptstatt” durchschlagen. Doch die Welt hat sich verändert. Die kauzigen Herren, bewaffnet und uniformiert, nehmen auch gleich mal einen Pfarrer als Geisel und beschießen einen Bus mit amerikanischen Schülern.
Doch bald werden sie zu Gejagten. Die Presse wittert DIE große Story und das BKA erklärt die Vorfälle ins Reich der Legenden, schließlich will man nach außen einen Staat demonstrieren, der die Geschichte aufgearbeitet hat. Über den Weg laufen ihnen aber auch staunende Neonazis und (freiwillige und unfreiwillige) Familienangehörige.
Eine sehr originelle Satire über den Umgang mit deutscher Geschichte!

Derek Landy: Das Groteskerium kehrt zurück

Veröffentlicht in Kinderbücher am 14 August, 2008 von aichlinn

Skulduggery Pleasant, das lebendige Skelett, macht sich wieder mit der 13-jährigen Walküre Unruh auf den Weg, die Welt zu retten. Ob die zwei es schaffen, zu verhindern, das Baron Vengeous die Gesichtslosen zurückholt, sei an dieser Stelle natürlich nicht verraten.
Wie schon im ersten Teil ist das Buch spannend bis zur letzten Seite und obwohl Sukduggery und Stephanie immer wieder ihre Leben riskieren, sind sie nie um ein spöttisches Wort oder einen witzigen Dialog verlegen.
Schade finde ich, dass beinahe pausenlos brutale Kampfhandlungen geschildert werden. Es fließt viel Blut und Menschenkörper platzen. Freunden der spannenden Fantasyliteratur sei das Buch empfohlen, Kindern eher unter Vorbehalt.

Nick Hornby: A long way down

Veröffentlicht in Romane am 24 Juli, 2008 von aichlinn

Das Topper’s House – kein gewöhnliches Hochhaus in London, sondern auch ein idealer Platz für gescheiterte Existenzen. Natürlich braucht man einen Plan, den hohen Maschendrahtzaun zu überwinden, der Besucher des Daches von dem unfreiwilligen oder geplanten Sturz in die Tiefe abhalten soll. Denn man war garantiert nicht der Erste mit diesem endgültigen Gedanken, den gescheiterte Menschen früher oder später hegen. Dann fehlen lediglich noch ein paar Schritte und der Absprung, es sei denn, das Schicksal will es anders. Das Schicksal hat in Nick Hornbys neuestem Buch „A long way down“ vier Gesichter.

Martin, zynischer Talkmaster, als Ehemann und Vater schon längst gescheitert, erlangte ungewollte Berühmtheit, als er nach einem Verhältnis mit einer Fünfzehnjährigen im Gefängnis landete.
Maureen, die personifizierte Unschuld, leistete sich nur eine Unachtsamkeit und die bescherte ihr gleich ein Kind. Noch bevor sie anfangen konnte, zu leben, war ihr Weg vorbestimmt. Der Vater des Kindes ergriff die Flucht, Maureen bekam einen Job auf Lebenszeit, denn Sohn Matty ist schwerbehindert.
Jess, die durchgeknallte Tochter eines Ministers, geht ihren Mitmenschen mit ihrer dreisten und aggressiven Art auf die Nerven. Als sie auch noch von ihrem Freund verlassen wird, ist der Umgang mit ihr noch schwieriger. Nicht nur die anderen hassen sie, sondern sie sich selbst ebenso. Jess’ einziger menschlicher Zug scheint darin zu bestehen, dass sie ihre verschwundene große Schwester vermisst.
Der Vierte im Bunde ist JJ – Pizzabote, Musiker, Amerikaner. Er kam über den „großen Teich“ und jobbt in London, weil sich seine Band, sein Lebensinhalt, auflöste und ihm seine Freundin obendrein noch den Laufpass gab. Die Grundpfeiler seines Lebens und all seine Träume fielen in sich zusammen.

Vier Menschen also, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch verbindet sie eine entscheidende Sache: sie sind alle willens, die letzten Schritte zu gehen und den Sprung hinunter zu wagen.
Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt…

Nick Hornby verzichtet auf das Einstreuen von Lebensweisheiten, lässt amüsante Dialoge anstelle tiefsinniger Monologe wirken. Er schickt die Protagonisten auf die Suche nach dem Leben, aber nicht nach dessen Sinn. Dem Leser wird weder Verständnis abgerungen, noch wird er in ethische Diskurse entführt. Hornby lässt die Hauptfiguren miteinander in Beziehungen treten, die nicht in schnulzigen Romanzen oder unzerbrechlichen Freundschaften enden. Er nähert sich diesem sensiblen Thema auf ganz besondere Art und Weise. Er packt es beim Kragen, ohne ihm die Luft zu nehmen. Und auch, weil man den melancholichsten Stimmungen noch ein Lächeln abgewinnen kann, ist „A long way down“ wieder ein richtiger „Hornby“!

Einfach abgehängt : e. wahrer Bericht über die neue Armut in Deutschland

Veröffentlicht in Sachbücher am 24 Juli, 2008 von aichlinn

„Du bist Deutschland“ – ein Slogan, der uns Vertrautheit signalisieren und zur Verantwortung für ein Land aufrufen soll, in dem jeder ein Teil des Ganzen ist. Aber wenn JEDER Deutschland ist, dürfen wir nicht die 11 Millionen Menschen vergessen, die arm, oder zumindest von Armut bedroht sind. 7 Millionen Deutsche leben auf Sozialhilfeniveau, 3 Millionen Haushalte sind überschuldet. In Westdeutschland lebt jedes achte Kind in Armut, im Osten sogar jedes vierte. Auch das ist Deutschland.
Warum gibt es trotzdem noch keine vernünftige Armutspolitik? Warum schauen wir immer noch weg, wenn jemand im Müll nach Verwertbarem sucht? Warum denken immer noch die meisten, sie könne es nicht treffen?
Ständig öffnen neue, noch größere Kaufhäuser ihre Pforten. Stadtbilder verändern sich, weil Häuser instandgesetzt und Fassaden verschönert werden. Und wir verbringen unseren Urlaub in Neuseeland, auf Mallorca oder wenigstens im Bayerischen Wald. Aber: „Weder gibt es mehr Arbeit noch mehr Gerechtigkeit. Dafür sieht Mangel heute schöner aus.“, nachzulesen in „Einfach abgehängt: ein wahrer Bericht über die neue Armut in Deutschland“ von Nadja Klinger und Jens König.
Auf 254 Seiten schreiben die Autoren über ein Land, das so viel Geld für Sozialpolitik ausgibt, wie kaum ein anderes, und dabei trotzdem so erfolglos bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist; wo in „Jobcentern“ „Kunden“ von „Case Managern“ vermittelt werden sollen, die Empfangsdamen „Scouts“ heißen und man sich bei Beschwerden an das „Kundenreaktionsmanagement“ wendet.
Nadja Klinger und Jens König wollen die Perspektive auf Armut ändern. Sie reden mit den Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen und beschreiben die Welt durch deren Augen.
Die persönlichen Schicksale geben den erschreckenden Zahlen ein Gesicht. Angelika Fischer zum Beispiel, gelernte Stenotypistin, ist seit 1990 arbeitslos und erfüllt nicht die Klischees, mit denen Langzeitarbeitslose oft zu kämpfen haben. Sie engagiert sich im Arbeitskreis Gewalt gegen Frauen und Mädchen, beim Frauennotruf, in der Frauenbibliothek, ist im Vorstand des Hauses der Demokratie tätig und kümmert sich um Streitschlichter an Leipziger Schulen. Alles ehrenamtlich, eine bezahlte Arbeits sprang für sie bis jetzt nicht heraus, obwohl sie rund um die Uhr zu tun hat.
Damit Politik nicht mehr nur „Rolle der Bordapotheke auf der Titanic“ spielt, muss umgedacht werden. Die Autoren bieten interessante Denkansätze. So sollte sich Politik nicht am alten Sozialstaat orientieren, der falsche Anreize bietet, durch finanzielle Transfers von staatlicher Hilfe abhängig macht und die Menschen zu wenig fördert. Sie darf sich auch nicht nur an der Mittelschicht orientieren, auch wenn diese die größte Wählerschaft stellt. Sozial Schwache werden zu selten berücksichtigt (Beispiel Elterngeld). Armutspolitik als Querschnittspolitik, die resortübergreifendes Handeln erfordert, muss auch Bildungspolitik sein. Arbeit, Einkommen und Lebensqualität sind abhängig von Bildungsqualifikationen, für die schon im Kindergarten Grundlagen gelegt werden müssen. Armutspolitik bedeutet aber vor allem RESPEKT. Und hier sind wir alle gefragt. Erst wenn jedem Einzelnen klar wird, dass Armut nicht länger an den Rand der Gesellschaft abgedrängt werden kann, weil sie mitten unter uns ist, kann eine Armutspolitik auch funktionieren.

Fred Wacker: Ein Kassenpatient kennt keinen Schmerz

Veröffentlicht in Romane am 24 Juli, 2008 von aichlinn

Wie kann man einem Blutdruck von 190 mmHg etwas Positives abgewinnen? Ganz einfach, wenn man sich eigentlich beim Arzt eine Grippeschutzimpfung abholen wollte und einem der quälende Piekser erspart bleibt, wie es unlängst Fred Wacker erging. Doch seine Erleichterung währte nicht lange. Weil der Blutdruck in der folgenden Woche sogar noch anstieg, folgte ein denkwürdiger Krankenhausaufenthalt, an dessen Ende sich der Autor die Frage stellte, wie man trotz geschwätziger Mitpatienten und eines Marathons aus Temperatur-, Puls-, und Blutdruckmessungen zur Ruhe kommen soll. Oder wurde er am Ende gar nur wegen seinen „wunderbaren Übungsvenen“ stationär aufgehalten, die ihm eine Krankenschwester attestiert?
Doch man ist ja nicht sein ganzes Leben lang nur Patient. Deshalb ist die beschriebene Episode auch nur ein Kapitel in Fred Wackers Erstlingswerk „Ein Kassenpatient kennt keinen Schmerz“. Darin kann man nämlich auch nachlesen, welche Schikanen den Autor und seine Frau beim Ausbau ihres neu erworbenen Häuschens erwartet haben, wie ungünstig es ist, in der Küche über die Hauptverteilerdose hinweg zu tapezieren oder den Graben für das Stromkabel von seinen hilfsbereiten Nachbarn zu tief ausheben zu lassen.
Unberichtet bleiben darf natürlich auch nicht, wie ein Ostseeurlaub drohte, in einer Katastrophe zu enden, weil das Kamerastativ des Bruders am Strand verloren ging, was zu DDR-Zeiten bekanntlich ein Verlust von Dauer sein konnte, oder wie es die Fähigkeit des Autofahrens schulen kann, wenn der Kleinwagen nur bei trockenem Wetter fährt.
So banal wie amüsant, kurz, aber auch kurzweilig kommen sie daher – die Geschichten, die Fred Wacker uns zu erzählen hat. Wer sich unter dem Titel ein weiteres Buch erhofft, das unser Gesundheitssystem thematisiert, wird enttäuscht sein. Wer sich für den Alltag interessiert, gewürzt mit einer Note „Wackerschen Humors“, erkennt sicher den Charme des Büchleins.

“Narben auf meiner Haut : Straßenkinder fotografieren sich selbst”

Veröffentlicht in Sachbücher am 24 Juli, 2008 von aichlinn

„Man darf nur auf der Straße wandeln und Augen haben, man sieht die unnachahmlichsten Bilder.“

Goethe gewann diese Erkenntnis auf seiner Italienreise. Der Heidelberger Professor Hartwig Weber und die Direktorin Sor Sara Sierra Jaramillo wandelten auf den Straßen Medellins (Kolumbien), um Kinder zu finden, die bereit sind, mit einem Fotoapparat ausgestattet das Leben auf der Straße – ihre Narben – zu dokumentieren.
Erstaunlich, dass die Kinder nicht mit der Kamera davonliefen, um sie an der nächsten Ecke zu verkaufen. Brot, Zigaretten, Marihuana sind teuer und das Geld liegt eben nicht auf der Straße. Die Kinder schienen aber begeistert von dem Gedanken, Fotos von sich und ihrem Alltag machen zu können und sie später sogar in den eigenen Händen zu halten.
Im Mittelpunkt der Fotos stehen meist die Kinder selbst. Sie wollen kein Mitleid erwecken, vielmehr sollen die Bilder eine scheinbare Normalität darstellen, die für uns freilich schwer nachzuvollziehen ist, lesen wir doch, das der Alltag von Kleinkriminalität und Kinderprostitution geprägt ist. Besonders gefürchtet sind die „Todesschwadronen“, die mit ihrer „sozialen Säuberung“ vor Niemandem Halt machen. Guerillas und Paramilitärs wachen überall. Wer ihnen im Weg ist, wird umgebracht.
Straßenkinder gelten als Abschaum, den man nicht dulden will. Messerstechereien stehen auf der Tagesordnung.
Die Narben existieren also nicht nur psychisch, sondern „zieren“ die Körper der meisten Straßenkinder. Juan Carlos (13) zum Beispiel droht zu erblinden. Die Folge eines Schusses, der seine Nase durchbohrte und den Sehnerv verletzte. Jorge (10) hat Narben am Hals und an den Armen. Seine Mutter schlug ihn, weil er sein verdientes Geld nicht mit nach Hause brachte, sondern für Drogen ausgab. Die Narben verhindern das Vergessen. Aber man sieht nicht, wie tief sie sind.
Die eindrucksvollen Fotos, ergänzt durch bedrückende Berichte, wurden in Buchform veröffenlicht. „Narben auf meiner Haut – Straßenkinder fotografieren sich selbst“ ist 2003 bei der Büchergilde Gutenberg und in diesem Jahr auch als Taschenbuch im Don Bosco Verlag erschienen.
Dem Ganzen liegt das Projekt „patio 13 – Schule für Straßenkinder“ zu Grunde, das die Lebenssituationen der Straßen- und Flüchtlingskinder untersuchen und eine Integration ins Schulsystem vorantreiben soll. Auch die Lehrer brauchen Hilfe. Oft sind sie ratlos, wenn auf einmal Straßenkinder vor der Klassentür stehen. Brücken zu bauen ist wichtig. Keine Brücken, unter denen die Kinder schlafen, sondern die sie überqueren sollen. Auf der anderen Seite wartet vielleicht eine bessere oder überhaupt erst eine Zukunft. Auch wenn die Kinder im Heute leben, so träumen sie doch von Schulabschluss, Job und Familie.
Jeder kann an diesen Brücken mitbauen. Wie? Durch Hinsehen und Hinhören, das ist das Fundament. Medellin ist nicht so weit weg, wie die meisten glauben. Wer wegsieht oder gar seine Augen schließt, trägt dazu bei, dass die Fotos unzähliger anderer betroffener Kinder niemals entwickelt werden können.

Mitch Albom: Dienstags bei Morrie

Veröffentlicht in Romane am 24 Juli, 2008 von aichlinn

“Liebt einander oder geht zugrunde”

Es ist Freitagabend. Mitch Albom, Sportjournalist, Radioreporter und Fernsehkommentator, sitzt in seinem Haus, zappt sich durchs Fernsehprogramm und erstarrt, als der TV-Moderator fragt: “Wer ist dieser Morrie Schwartz?”.
Mitch kennt Morrie Schwartz. Er war mehr als nur sein Soziologie-Professor. Er war sein Freund. Doch Mitch hatte nach dem Studium Karriere gemacht und andere Dinge im Kopf. Sein Erfolg als Journalist brachte ihm Geld, Ruhm und Aktien.
Beim Blick auf den Bildschirm erschreckt Mitch, denn Morrie war kaum wiederzuerkennen, ausgemergelt und von Krankheit gezeichnet. Er hat ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), eine unheilbare, degenerierende Krankheit des motorischen Nervensystems, die zu einer Muskellähmung im gesamten Körper führt.
Wenige Wochen später beginnt der letzte Kurs von Morrie Schwartz. Er findet nicht im Hörsaal, sondern in seinem Arbeitszimmer statt. Mitch ist der einzige Student und Thema des Kurses ist der Sinn des Lebens. Eine Abschlussprüfung wird es nicht geben. Die Abschlussarbeit ist dieses Buch.
Als Mitch seinen alten Professor besucht, wird ihm bewusst, dass er seine Träume längst aufgegeben hat und nur noch für seinen Job lebt. Er beginnt an seinem Leben zu zweifeln. Fortan besucht er Morrie, üblicherweise dienstags, wie schon zu Studienzeiten. Sie reden nicht über Fakten, Theorien oder Statistiken, sondern über die wirklich wichtigen Lektionen des Lebens: Reue, Selbstmitleid, Liebe, Familie, Gefühle, Geld, Kultur, Vergebung und natürlich den Tod.
Während sich Morries körperliche Verfassung zusehends verschlechtert, er rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen ist, erkennt Mitch immer deutlicher, dass er die Art und Weise, wie er sein Leben führt, grundlegend überdenken sollte. Wie sagte Morrie so treffend: „Es sind die falschen Dinge, denen wir einen Wert beimessen. Und das führt zu einem Leben der Leere und Desillusion.“ Sein Rat: „Widme dich liebevoll anderen Menschen, widme dich der Gemeinschaft, die dich umgibt und bemühe dich, etwas zu schaffen, das deinem Leben Sinn und Bedeutung verleiht.“
Das Leben ist ein immerwährender Lernprozess. Aber es gibt Menschen, die nicht nur ein ganzes Leben lang lernen, sondern auch bis zum letzten Atemzug lehren. Morrie war so ein Mensch.
„Dienstags bei Morrie“ ist Philosophie für den Alltag, für jeden verständlich, von jedem anwendbar.